Der Programmierer, das unbekannte Wesen

Um eines vorweg zu nehmen: Natürlich ist jeder Programmierer anders. Wir sind schließlich auch alle nur Menschen und haben (hoffentlich) individuelle Interessen, Macken und Talente. Darum gibt es eben auch nicht den Programmierer als Schublade. Manche sind alt, manche jung, manche haben Frau und Kinder, mache sind sportlich, manche sind schwul, manche sind Frauen und manche mögen Pilzpfanne. Trotzdem kann man bestimmte Muster in der Selbstwahrnehmung ausmachen, die mal mehr mal weniger ernst gesehen werden. In diesem Artikel soll ein Blick in die Gilde der Coder geworfen werden.

Das Bild des Informatikers hat sich über die Jahre gewandelt

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Programmierer vor allem Mathematiker, die mit Hilfe von Rechenmaschinen komplexe Berechnungen anstellen konnten. Nicht selten standen sie im Militärdienst und berechneten ballistische Flugbahnen für Raketen oder entschlüsselten geheime Nachrichten wie etwa Alan Turing, der dadurch auf britischer Seite den Zweiten Weltkrieg um Monate verkürzte.
Danach kam die Zeit der 50er, 60er und 70er Jahre, in denen der Programmierer meist ein Mann mittleren Alters in Nadelstreifen, rauchend und mit Aktenkoffer (für die Lochkarten) war.  Er galt als Experte für die Bedienung der raumeinnehmenden Computer, die aufgrund ihrer Größe und Kosten eher dem großen Business vorbehalten waren. Anerkennung und Respekt waren ihm sicher.
Das änderte sich sehr mit dem Erscheinen der ersten Heim-Computer in den 70er und 80er Jahren. Gerade Jugendliche und Kinder kamen schnell mit der Abstraktion des Programmierens zurecht. Sie waren wissbegierig, trauten sich, Dinge auszuprobieren und die Grenzen zu erforschen. Es entstand schließlich das Bild des Kellerkindes, das sich in irgendwelche Banken hackt und aus Spaß Kriege startet.
Mit der steigenden Beliebtheit des Internets seit den 90er Jahren rückt auch der Beruf des Programmierers immer mehr in den Fokus und man verbindet mit dem Begriff „IT“ das große Geld und einen zukunftssicheren Job, der einen schicken Lifestyle ermöglicht. 

Im Kopf blieben vor allem die Darstellungen aus Filmen

Hauptschuldige sind wohl eine ganze Reihe von Filmen aus den 80er und 90er Jahren, die „irgendetwas mit Hacken“ zum Thema hatten. Der Computer-Experte dort war meist ein ungepflegter, dicker, pickeliger Junge mit fahler Haut und der Unfähigkeit zum Führen sozialer Kontakte. Bevor es Laptops und Smartphones gab, blieb dem Interessierten damals natürlich nur der stationäre Rechner. Das heißt aber nicht, dass man keine Freunde hatte und immer nur im abgedunkelten Zimmer saß. Es war einfach die subjektive Wahrnehmung damaliger Erwachsener, die ihre Kinder nicht mehr verstanden (was vielleicht jeder Generation irgendwann einmal passiert). Fakt ist aber, dass sich die jungen Programmierer selber anders wahrnahmen und auch heute anders sehen.

Der Programmierer als Alltags-Zauberer

Die Bewunderung von Verwandten und Freunden, wenn man mal wieder das „Internet repariert“ oder jemandem zwei Wochen stupide Arbeit abgenommen hat, prägt den Informatiker. Ich habe während meiner Schulzeit jemandem das Abschreiben der Schulordnung erspart, indem wir seine Handschrift in ein Formular eintrugen, das dann einscannten, daraus automatisch eine Schriftart erzeugten und den heruntergeladenen Text in der gerade erzeugten künstlichen Handschrift ausdruckten. Der Lehrer merkte den Unterschied nicht.
Auch wenn die Tätigkeit manchmal leicht erscheint und schnell geht, sollte man die Leistung nicht unterschätzen. Das Wissen über Programmierung erlangt man nur mit viel Übung und jahrelangem Lernen. Viele Codierer haben nicht nur die Berufsschule, Universität oder Fachhochschule besucht, sondern vor allem in der Freizeit einiges an Lebensjahren investiert, um beim Programmieren besser zu werden. Ein Informatiker ist oft mehr als ein Vollzeit-Informatiker, er identifiziert sich rund um die Uhr mit seiner Berufung und erwartet daher einen gewissen Respekt. Beleidigt man ihn in als Programmierer, dann trifft es ihn ganzheitlich als Menschen, denn nach Feierabend setzt er sich regelmäßig auch zu Hause noch an Code – es ist sein Leben.

Programming on Weekends – It’s like programming during the week but pants are optional.

Ihn in seinen Fähigkeiten bloß zu stellen ist wie einem Gärtner zu sagen, dass er die Blumen zu Hause übergießt oder einem Arzt zu sagen, dass er keine Ahnung hat, was seinem kranken Kind gut tut. Und ja, das ist nicht übertrieben, denn die Software, die der Coder schreibt, ist sein Kind, sein Baby. Deshalb reagiert er manchmal auch so emotional.

Der Programmierer als Universalgenie

Ein Programmierer muss in der Lage sein, schnell zu verstehen und schnell zu lernen. Zum einen gibt es ständig Neuerungen und Fortschritte im Programmierwissen der Welt und Standards werden im Jahrestakt umgeschmissen. Was heute noch richtig war, kann morgen schon als absolut veraltet und überholt gelten. Hierin liegt der Grund, warum Programmierer ständig von „uraltem Legacy-Code“ sprechen, der sie zum verzweifeln bringt. Zum anderen weiß er während seiner Ausbildung oft nicht, wo er irgendwann einmal landen wird. Es könnte eine Druckerei sein, ein könnte eine Großgärtnerei sein, eine Softwarefirma, eine Klinik oder, oder, oder. Er muss sich also vielen Problemen öffnen können, die ganz und gar nicht zu seiner Berufsausbildung gehören. Deshalb ist der Programmierer extrem darauf angewiesen, dass alle seine Aufgaben sehr exakt aufbereitet werden, denn es gehört einfach nicht zu seinem Job, etwas über Pflanzen, Arzneimittel oder Papierstärken zu wissen.

Der Programmierer als Held der Arbeit

Die Arbeit eines Programmierers ist oft sehr demotivierend. Man steckt sein ganzes Herzblut in die Software, schreibt als Autor (ja, wir sind Autoren) non stop Funktionalität – nur um uns am Ende anzuhören, wie schlecht alles läuft, wie kacke die Performance ist und dass jeder einzelne Bug eigentlich Schmerzensgeld zur Folge haben müsste. Im Gegenzug wird ein absolut sauber laufendes Programm als „normal“ empfunden.
Zu diesem Druck kommt noch der Druck aus dem Vertrieb und dem Marketing. Die subjektive Wahrnehmung des Codierers ist, dass ich als Programmierer die Versprechen einhalten muss, die andere aussprechen. Selbstverständlich verzerrt es die Realität, denn ohne Verkäufe und neue Features kommt eben auch kein Geld in die Firma. Trotzdem müssen die zu erledigenden Aufgaben fair zwischen allen Beteiligen ausgehandelt werden. Der Programmierer darf kein Trichter sein, in den man alles reinkippt und wenn es zu langsam läuft, dann stopft man nach.
Außerdem denkt fast nur der Coder so richtig an Stabilität und Qualität der Software. Klar, jeder möchte ein qualitativ gutes Programm. Aber nicht viele sind bereit, Geld und Zeit darin zu investieren. Etwas, was man nicht sehen kann und etwas, was man im Programm nicht direkt bemerkt (Stichwort: Testabdeckung), kann man dem Rest der Firma leider nur schlecht vermitteln. Aber wie schon gesagt: Die Software, die ich selber schreibe, ist mein Baby. Ich will, dass es ihm gut geht.

Der Programmierer als Aktivist

Bei weitem nicht alle Programmierer würden sich als Aktivisten bezeichnen. Trotzdem gibt es ziemlich viele Informatiker, die sich mit Rechten, Freiheiten und Verantwortungen auseinander setzen. Diese Leute sind oft politisch links-liberal. Ihre Sicht der Dinge ist, dass die Technik mehr Chancen und Risiken aufwirft, als die meisten Menschen verstehen (können). Sie missionieren regelrecht, um immer wieder ihren Standpunkt klar zu machen: Basis-Demokratie soll über staatlicher Kontrolle stehen und alle Menschen müssen begreifen, was ihre Daten wert sind und welche Gefahren des Datenmissbrauchs lauern. Sie möchten 1984 verhindern und haben das Gefühl, dass die Welt sehenden Auges ins offene Messer rennt. Diese Informatiker sind Fatalisten, die die Mantren „Mach Backups!“ und „Verschlüssle deine Mails!“ regelmäßig zum Besten geben. Ob sie Recht haben oder nicht, soll an der Stelle gar nicht diskutiert werden. Wichtig ist nur, dass sie sich als moderne Aufklärer betrachten und als Wahrer von ethischen Rechten. 

Wie gehe ich nun mit dem Programmierer um?

Das alles hier soll bitte nicht so heiß gegessen wie gekocht werden. Die Wahrheit ist selbstverständlich relativ und nicht jeder Programmierer erfüllt komplett obige Eigenschaften. Zum einen sollte er natürlich den Respekt erhalten, der jedem Menschen grundsätzlich zusteht. Und er ist auch nicht unfehlbar oder ein Gott – obwohl manche auch auch an Selbstüberschätzung leiden. Man sollte nur beachten, dass eigentlich niemand Programmierer von Beruf ist, sondern man Programmierer ist, als ganzheitliche Person. Ein Codierer weiß Dinge und kann Sachen machen, die andere nicht einmal erahnen können. Wenn er aus seiner Fach-Sicht spricht, dann sollte man ihm zunächst einmal Glauben schenken, denn er ist der Experte in seinem Gebiet. Ausreden sind vielleicht keine Ausreden, sondern harte Realität. Und wenn man auf sachlicher und vernünftiger Ebene miteinander umgeht und diskutiert, dann wird man es auch schaffen, sich mit dem Programmierer auf eine ausgewogene Aufgabenverteilung zu einigen. Dafür muss man allerdings begreifen, dass auch der Programmierer mit einem ToDo-Stapel in die Verhandlung treten wird – und darf!

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